Von Höhen und Tiefen © Fotonachweise (v. l.): Bild 1 und 2: Nils Mosh, Bild 3, 4 und 5: Willi Reiche

 

Zu den Abbildungen und Kurzbeschreibungen der einzelnen Exponate gelangt man durch Anklicken der Anker (#)

 

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AUSSTELLUNG im HISTORISCHEN KLÄRWERK UERDINGEN
vom 15. Mai bis 28. Juni 2026

Ausstellung 'Von Höhen und Tiefen' im historischen Klärwerk Uerdingen Blick in die Ausstellung am Tag nach der Eröffnung

Vernissage mit Noah Chorny, Stangenakrobat Noah Chorny hat mit einer wunderbaren Show die Vernissage bereichert

 

Krefeld ist eine Stadt, die sich immer wieder neu erfinden muss –
zwischen Textilgeschichte, Verlust und kultureller Erneuerung


Bewegung und Stillstand, Aufbruch und Veränderung – die Ausstellung „Von Höhen und Tiefen“ von Willi Reiche (kinetische Kunst) und Nils Mosh (Klangkunst) entfaltet ein vielschichtiges Zeitbild. Dabei greift sie die Textilgeschichte Krefelds auf, die über Jahrhunderte von der Samt- und Seidenproduktion geprägt war.
Kunstmaschinen, interaktive Installationen und stille Objektkästen treten in einen spannenden Dialog. Sie verweisen auf die textile Geschichte der Stadt und machen deren Höhen und Tiefen erfahrbar.
Immer wieder blitzt auch ein spielerischer Ton auf: ein Augenzwinkern, das die Zweckmäßigkeit der Mechanik unterläuft. Die Kunstmaschinen und interaktiven Installationen entwickeln eine eigene, intime Ordnung, die sich immer wieder kurz der Logik entzieht. So entsteht eine leise Ironie, die den Blick öffnet – auf die Fragilität hinter der Präzision und den Humor im Zusammenspiel von Mensch und Maschine.

„Von Höhen und Tiefen“ wird so zum Sinnbild menschlicher Existenz. Aus Materialien und technischen Fragmenten, aus Bewegung, Stille und Wahrnehmung entsteht ein offener Zustand. Dinge sind hier nicht festgelegt, sondern stehen in Beziehung zueinander und ordnen sich immer wieder neu.

Die Ausstellung wird kuratiert von Dr. Ilka Wonschik, Museumsleiterin im Haus der Seidenkultur. Sie findet in Kooperation mit dem historischen Klärwerk in Uerdingen statt. An beiden Orten erkunden die Künstler Nils Mosh und Willi Reiche das Zusammenspiel von Mensch und Maschine. Im historischen Klärwerk wird sichtbar, dass die Industrialisierung nicht nur Produktion hervorbrachte, sondern auch ihre Schattenseiten: Abfälle, Abwasser und die Notwendigkeit, sich um die eigenen Hinterlassenschaften zu kümmern. Die kinetischen Werke treten in der Klärhalle – der Architektur des Bauwerks entsprechend – mit größerer Fülle und Quantität in Erscheinung und verstärken so die Wirkung von Dimension, Schwere und der Präsenz einer Technik, in der die Spuren menschlicher Arbeit eingeschrieben sind.

 

 

LICHTSÄULE DES MITEINANDERS

Willi Reiche
 
Lichtsäule des Miteinanders
Video (00:25) öffnet in neuem Fenster

 

HBT: 410/180/180 cm

 

Lichtsäule des Miteinanders – Willi Reiche (2025)

Historische Ringreifenfässer bilden einen dreistöckigen Turm, der mit einer bunten Säule in Regenbogenfarben abschließt. Der mit Kunststoffblumen aus den 1970er-Jahren bestückte Acrylzylinder wird von innen und außen beleuchtet und dreht sich um die eigene Achse. Um den blumigen Regenbogen herum kragen schützend die gebogenen Zinken eines Heurechens. Der Regenbogen ist über sämtliche Kontinente und Kulturen hinweg von mythologischer Bedeutung, schlägt eine Brücke vom Göttlichen zum Menschlichen, zeichnet sich als verbindendes, vermittelndes Element aus.
Die Farbfolge des Regenbogens steht außerdem für Aufbruch, Veränderung und Frieden. Zudem hat sich die Regenbogensymbolik für Vielfalt und Toleranz etabliert und findet international in der queeren Bewegung Verwendung. Die Flagge der Jüdischen Autonomen Oblast in Russland zeigt einen Regenbogen, ebenso die Insignien der peruanischen Stadt Cusco. Und auch Greenpeace verwendet das Regenbogen-Motiv.

Die „Lichtsäule des Miteinanders“ nimmt rückblickend Bezug auf Krefeld zur Zeit der Oranier im 17. Jahrhundert, als die Stadt Zufluchtsort für viele Mennoniten, aber auch andere Glaubensflüchtlinge wurde. Die Symbolik steht aber gleichermaßen für die Vielfalt der Krefelder Bevölkerung in der heutigen Zeit, einem Miteinander von Menschen diverser Konfessionen sowie konfessionslos, eine bunt gemischte Bevölkerung mit unterschiedlichen Hintergründen, Lebensphilosophien, Wünschen, Idealen. Für diese vielfältige Gesellschaft signalisiert die „Lichtsäule des Miteinanders“ zweierlei: sie besitzt Würde und Strahlkraft, ist aber gleichzeitig fragil, gefährdet durch Angriffe auf demokratische Werte.

 

 

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FÄCHERPALME

 
Fächerpalme
HBT: 300/260/85 cm

 

Video (00:25) öffnet in neuem Fenster

 

Fächerpalme – Willi Reiche (2025)

Die „Fächerpalme“ besteht aus strahlenförmig gespreizten Rundstäben, auf denen sechs gusseiserne Transmissionsräder mit je vier geschwungenen Speichen montiert sind. Die Räder unterschiedlicher Größe, von außen zur Mitte hin größer werdend, bilden einen Bogen. Mittels Kettenantrieb werden sie in langsame, beschauliche Drehbewegung versetzt.
Diese Relikte historischer Maschinen, die in robuster Bauweise für eine enorme Beanspruchung durch mechanische Kraftübertragungen ausgelegt waren, sind Zeugnisse eines industriellen Aufschwungs, wie er Crefeld (die Schreibweise mit K wurde 1925 dauerhaft eingeführt) einst großen Reichtum bescherte. Das massive Räderwerk wird hier transformiert zu einem Objekt, das mit seinem floralen Charakter spielerisch-leicht wirkt.

 

 

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LA CUCARACHA – no puedre caminar

 
La cucaracha
HBT: 680/300/50 cm

 

Video (00:18) öffnet in neuem Fenster

 

La cucaracha – no puedre caminar – Willi Reiche (2026)

Das Klärwerk Uerdingen ist ein bedeutungsvolles Industriedenkmal aus der Frühzeit der Crefelder Stadthygiene. Durch das enorme Bevölkerungswachstum und die florierende Textilindustrie musste die Abwasserreinigung durch ein mechanisches Verfahren optimiert werden. Beim Thema Hygiene und Abwässer darf die Kakerlake wohl nicht fehlen, verbindet man das Insekt doch unweigerlich mit mangelnder Hygiene. Die Schabe oder Kakerlake ist als Allesfresser ein äußerst ungeliebter Gast, der Keime überträgt und sich rapide vermehrt.
Diese Cucaracha aber ist einzigartig, ein eigenwilliges Unikat, das ganz gewiss keine Kolonien bildet. Den Dimensionen der Klärhalle entsprechend zeichnet sich dieses Exemplar durch üppige Größe aus. Den Korpus bildet das hölzerne Gerüst eines Faltbootes, zehn Teppichklopfer stellen die Beine dar (während in der Natur nur sechsbeinige Insekten nachgewiesen sind) und zwei kreiselnd wippende Bürsten die Fühler. Verschiedene Schläuche deuten den dreiteiligen Verdauungstrakt mit Vorder-, Mittel- und Enddarm eines gefräßigen Wesens an.

 

Das mexikanische Lied „La Cucaracha“ verhöhnt den General Huerta zur Zeit der mexikanischen Revolution (1910-1920) als Kakerlake. In Franz Kafkas Erzählung „Die Verwandlung“ von 1912 sowie gut ein Jahrhundert später (2019) in Ian McEwans Politsatire „The Cockroach“ geht es um die Verwandlung des Protagonisten in eine Kakerlake.

 

 

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LIQUID SEQUENCES

 
Liquid sequences
HBT: 350/200/140 cm

 

Video (00:23) öffnet in neuem Fenster

 

Liquid sequences – Willi Reiche (2026)

Diese kinetische Installation ist um einen Schneidetisch für analoge Trickfilme herum arrangiert. Die Anordnung von Glaszylindern, gläsernen Rohren und unterschiedlichen runden und eckigen Messgeräten wirken wie ein fachgerechter Laboraufbau. Eine giftgrüne Flüssigkeit (es handelt sich um gänzlich unbedenkliches Fluorescein) blubbert in mehreren Glasbehältern, zwölf Erlemeyerkolben, von unten durchleuchtet, fahren auf einem Schlitten hin und her.

Man könnte meinen, hier würden Analysen erstellt, die Wasserqualität geprüft und spezifische Werte ermittelt oder kontrolliert. Doch bei genauerem Hinsehen wird schnell deutlich, dass hier mit irreführenden Assoziationen auf eine falsche Fährte gelockt wird.

 

 

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LUMEN ARBOR

 
Lumen arbor
HBT: 230|130|130 cm

 

Video (01:58) öffnet in neuem Fenster

 

Lumen arbor – Willi Reiche (2025)

Die historische Ständerbohrmaschine aus Gusseisen bildet den Stamm des „Lumen arbor“, um den herum eine Vielzahl Elemente vertikal angeordnet sind: drei Trommeln eines Scanners, vier Rohrschaugläser einer Brauanlage (durch die möglicherweise einst Krefelder Altbier floss) sowie beispielsweise ein Aktivkohlebehälter aus der Anästhesie. Die transparenten und silberfarbenen zylindrischen Formen, teils durch LEDs individuell beleuchtet, werden durch einen Niedervoltmotor angetrieben. Zur Kraftübertragung kommen dünne Silikonschläuche zum Einsatz.

 

 

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DIE WELLE

 
Die Welle
Video (01:01) öffnet in neuem Fenster

 

HBT: 236/122/170 cm

 

Die Welle – Willi Reiche (2024)

Auf dem höhenverstellbaren Unterbau eines Turnbocks wächst ein Arrangement in die Höhe, das in seiner Dynamik an eine kraftvolle Welle erinnert. Die Zusammenstellung aus Gebläseschaufel, Lamellenlüfter, Rasenmäherspindel, verschiedenen Bürsten, einer Schuhputzwelle sowie Schleif- und Polierscheiben könnten stellvertretend für ein umtriebiges Leben stehen; hier wird geschaufelt, gelüftet, gemäht, geschliffen, gebürstet, poliert und vieles mehr – in der Summe erzeugt eine Vielzahl an Aktivitäten große Wirkung.

Die Konstruktion der Welle könnte als Metapher für arbeitsteilige Produktionsweisen in den Fabriken verstanden werden. Die Welle verweist zudem auf Krefelds Lage am Rhein nach der Eingemeindung von Linn und Uerdingen und den Fluss als Lebensader und Transportweg. Der Rheinhafen in Linn ist einer der bedeutendsten Binnenhäfen Nordrhein-Westfalens und Knotenpunkt der Transporte zu Wasser, auf der Schiene und über Straßen. Die Welle nimmt aber auch Bezug auf die Gefahren, denen Uerdingen vor dem Deichbau und dem Einbau von Stahlspundwänden bei Rheinhochwasser ausgesetzt war.

 

 

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ROSETTA DEL LIDO

 
Rosetta del Lido
HBT: 126/116/25

 

Video (00:55) öffnet in neuem Fenster

 

Rosetta del Lido – Willi Reiche (2017)

Kanaldeckel an Egge – so könnte man diese Kunstmaschine kurz und prägnant in Worte fassen. Denn es handelt sich hier um eine Zinkenegge, deren starre Zinken zur Auflockerung der oberen Bodenschichten dienen. Vierzehn dieser Zinken sind bestückt mit historischen gusseisernen Gullideckeln. Die Ornamentik der hier kreisenden runden, teils emaillierten, Deckel erinnert an Fächerrosetten und romanische Rosenfenster.

Das Werk schafft eine Verbindung zwischen Land- und Stadtleben: Zum einen die Bearbeitung der Ackerflächen im niederrheinischen Umland – etwa die Saatbettbereitung durch Bodenlockerung, Zerkleinerung und Einebnung, die einst mit Zugtieren und später mittels Traktoren vorgenommen wurde. Zum anderen in der immer dichter besiedelten Stadt und mit der wachsenden Industriealisierung in unterirdischen Kanlälen die gezielte Zusammenführung städtischer und industrieller Abwässer, um diese im „Palast der Hygiene“ (wie das historische Klärwerk auch genannt wird) in Uerdingen mechanisch zu klären.

 

 

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COBRA EMERITA

 
Cobra emerita
HBT: 200/200/80 cm

 

Video (00:29) öffnet in neuem Fenster

 

Cobra emerita – Willi Reiche (2026)

Das Klärwerk Uerdingen liegt an einer Bahntrasse unweit des Rheinhafens. Als Symbol einer stetigen Bautätigkeit in der prosperierenden Stadt Krefeld wird hier zwei Aufbrechhämmern ein Denkmal gesetzt, die sich, deutlich gezeichnet von ihren kraftvollen Einsätzen, nun im wohlverdienten Ruhestand würdevoll von allen Seiten präsentieren. Die gusseisernen Schienenräder auf Gleisen und der Kühlschrott, der optisch an ein Gleisbett mit Gleisschotter erinnert, verweisen auf den Wachstum der Industrie und den Ausbau der wichtigen Transportwege.

Anfang des 20. Jahrhunderts wurden etliche Bahngleise in Krefeld höhergelegt und über Eisenbahnbrücken geführt, damit der zunehmende Straßenverkehr darunter die Bahnstrecke kreuzen und störungsfrei fließen konnte.

 

 

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TENTAKEL IM TABERNAKEL

 
Tentakel im Tabernakel
HBT: 256/80/90 cm

 

Video (02:41) öffnet in neuem Fenster

 

Tentakel im Tabernakel – Willi Reiche (2025)

Der historische Mehltrog, senkrecht aufgerichtet, umschließt diese kinetische Installation aus Förderschnecken und Isolatoren wie eine schützende Hütte; lateinisch tabernaculum = Zelt, Hütte. In erster Linie zwar dem Reim geschuldet, erinnern die Förderschnecken tatsächlich an Fangarme, wenn sie sich mit ihrer Spiralform rotierend vermeintlich immer tiefer und tiefer graben – und doch auf gleicher Höhe bleiben. Die Isolatoren aus grünem Pressglas, das in der Drehbewegung farblich changiert, und der leicht glitzernde Schimmer der Metallarmaturen rufen Assoziationen zu fließendem Wasser und Wellen hervor.

Fest zusammengefügte Kappenisolatoren wie in dieser Installation haben sich in den 1970er-Jahren vor allem bei Eisenbahngesellschaften durchgesetzt und sind bis heute in Gebrauch. Isolatoren aus Glas gab es in frühen Formen bereits in den 1840er-Jahren an Telegrafenleitungen. Mit dem steigenden Bedarf an Hochspannungs-Freileitungen und Verbesserung der Glasqualität haben sich Glas-Kappenisolatoren ab den 1920er-Jahren zunehmend etabliert.

 

 

 

 

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KREUZEZUG

 
Kreuzezug
HBT: 360/200/70 cm

 

Video (01:34) öffnet in neuem Fenster

 

Kreuzezug – Willi Reiche (2026)

Der Titel „Kreuzezug“ ist eine sprachliche Anspielung auf religiös motivierte Kriege im Mittelalter, die wir mit dem Begriff „Kreuzzug“ in Verbindung bringen. Lediglich ein zusätzlicher Buchstabe macht hier den entscheidenden Unterschied: Auf einem kurzen Gleisabschnitt steht ein Wagen, der mit einer Vielzahl Kreuzen unterschiedlicher Herkunft und Formgebungen bestückt ist. Es gibt zehn offene und zehn geschlossene Kreuzelemente, deren Hintergrund, abgesehen vom Christbaumständer, nicht religiösen Ursprungs ist: Da gibt es den Kreuzsteckschlüssel (wohl geläufiger unter dem Begriff Wagenkreuz), Schneidkluppen (Gewindeschneider), die Drosselklappe eines Absperrventils, kreuzweise montierte Spitzhacken und Grubberscharen, einen Cambrigdewalzenring mit vier Speichen, das gründerzeitlich verzierte gusseiserne Rad einer Wäschemangel und weitere kreuzförmige Elemente.

Diese Installation zeugt von Vielfalt und einem harmonischen Miteinander, nicht von Feindseligkeiten, Blutvergießen oder Inquisition. Dahinter verbirgt sich auch eine Anspielung auf die Mennoniten und andere Bevölkerungsgruppen, die aufgrund ihres Glaubens verfolgt wurden und in Krefeld einen sicheren Zufluchtsort fanden. Die unterschiedlichen Kreuzformen des Kreuzezugs sind aber weniger als religiöse Symbole zu verstehen, sondern vielmehr als verbindende Elemente in einer Vielfalt, die sich letztlich doch sehr ähnelt, eine Gemeinschaft bildet. Das Werk ist ein Appell an die Menschen, in friedlicher Koexistens zu leben, mit Toleranz, Akzeptanz, Achtung und Respekt voreinander.

 

 

 

 

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VIERKLANG

 
Vierklang
HBT: 182/64/62 cm

 

Video (00:48) öffnet in neuem Fenster

 

Vierklang – Willi Reiche (2019)

Der schmale Turm mit quadratischer Grundfläche besteht aus einer Rundstahlkonstruktion, in deren unterem Bereich ein Quader aus Stahlneuschrott eingefasst ist. Oberhalb dieses massiv verdichteten Würfels aus der Schrottpresse wird es deutlich luftiger: Vier Laufräder mit sternförmig angeordneten Schaufeln verteilen sich im Zickzack innerhalb des Gestänges. Diese Flügelräder, die aus Flüssigkeitsringpumpen stammen, bestehen aus einer speziellen – und vor allem außergewöhnlich klangvollen – Legierung und kommen hier als Idiophone zur Geltung: Mittels einer Handkurbel und diversen Umlenkvorgängen touchieren durch Rohrprofile geführte Stahldrähte die Flügelräder und rufen so als Schlägel helle, melodische Klänge hervor.

Die kinetische Klangskulptur schlägt einerseits in der gemeinsamen Ausstellung einen direkten Bogen zur Klangkunst von Nils Mosh. Andererseits nehmen die Flügelräder der Pumpen Bezug auf den Transport von Flüssigkeiten, die Höhen und Tiefen überwinden müssen – so wie hier im Klärwerk.

 

 

 

 

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SWINGING SLEEVES IN GREY

 
Swinging sleeves in grey
HBT: 300/440/120 cm

 

Video (00:45) öffnet in neuem Fenster

 

Swinging sleeves in grey – Willi Reiche (2025)

Aus der Ferne wirkt der graue Vorhang im Wind schwingender Industriefilterschläuche wie eine Fortsetzung des grauen Schotterweges zum Nordeingang der Klärhalle. Diese Filterschläuche dienen eigentlich der Partikelabscheidung in unterschiedlichen Industriezweigen, etwa der Zement-, Stahl- oder Lebensmittelindustrie oder auch chemischen Industie, wie sie in Uerdingen ansässig ist. Durch die Transformation entfalten die grauen Filter jedoch eher einen organisch anmutenden Charakter, erinnern an Bambushalme mit ihren typischen Segmenten (Internodien).
Hier werden die Grenzen zwischen menschgemachter Industriealisierung und Natur provokant durchbrochen. Die Installation hinterfragt menschliche Eingriffe, signalisiert aber gleichzeitig, dass das industrielle Erbe mit Ästhetik und Schönheit einhergehen kann und – wie hier das historische Klärwerk – seine Daseinsberechtigung hat und unbedingt erhaltenswert ist.

 

 

 

 

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DAS SEXTETT
TANZT BÜRSTENBALLETT

 
Das Sextett tanzt Bürstenballett
HBT: 154/80/185 cm

 

Video (01:39) öffnet in neuem Fenster

 

Das Sextett tanzt Bürstenballett – Willi Reiche (2025)

Bei diesem fahrbaren Unterbau, der die Basis der kinetischen Inszenierung bildet, handelt es sich um ein historisches Spritzfasswägelchen, das von einem Pferd durch die Rebenreihen gezogen wurde, während mit der Spritzgarnitur Pflanzenschutz oder Mittel zur Ungezieferbekämpfung versprüht wurden. Der Niederrhein ist nun nicht gerade bekannt für Weinanbau, die Weinbrennerei Dujardin in Krefeld-Uerdingen aber hat sich mit der Veredelung von Weinen einen Namen gemacht. Die historische Fabrikanlage wurde in die Denkmalliste der Stadt Krefeld aufgenommen und beherbergt heute ein Museum der Weinbrennerei. „Darauf einen Dujardin …“

Bei dieser Kunstmaschine geht es keineswegs um edle Tropfen. Auf dem Spritzfasswagen sind sechs gläserne Zylinder angeordnet, in denen Toilettenbürsten mit Holzgriff und Kokosfasern wechselweise auf und ab tänzeln – mit leisem, kratzig-quietschendem Sound. Der Rhythmus des Sextetts folgt dem Lauf der Kurbelwelle, der Gedankengang zum Klärwerk dürfte selbsterklärend sein.

 

 

 

 

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SHITSTORM

 
Shitstorm
HBT: 120/160/70 cm

 

Video (00:29) öffnet in neuem Fenster

 

Shitstorm – Willi Reiche (2022)

Als würden sie miteinander kommunizieren stehen sich zwei betagte belgische Toilettenstühle gegenüber. Zwischen beiden Stühlen ein schwerer Hackblock auf Beinen aus massivem Holz, wie er in lebensmittelverarbeitenden Betrieben vorrangig zum Hacken und Zerlegen von Fleisch verwendet wird. Ob der Hackstock auch inhaltlich zwischen den beiden Stühlen steht oder ein eher verbindendes Element darstellt? Es bleibt unklar, ob sich bei diesem „Shitstorm“, der hier mit Blitzlichtern den hin und wieder aufklappenden Deckeln entweicht, zwei Verbündete einvernehmlich Luft machen oder zwei Widersacher empört Dampf über das jeweilige Gegenüber ablassen.
Die kinetische Installation führt durch ihren Titel und die bildliche Szene vor Augen, in welch tiefe Abgründe menschliche Auseinandersetzungen abgleiten können. Dann doch lieber ein klärendes Wort – im Klärwerk.

 

 

 

 

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SEEPFERDCHEN

 
Seepferdchen
HBT: 130/43/190 cm
Video (00:20) öffnet in neuem Fenster

 

Seepferdchen – Willi Reiche (2016)

Wie der geschwungene Hals eines Pferdes wirkt die aufgerichtete Graugussplatte eines Klaviers. Die an den Gussrahmenstiften verbliebenen Saitendrähte deuten eine Mähne an.
Am See installiert handelte es sich bei diesem Wasserspiel folgerichtig um ein „Seepferdchen“. Im Klärwerk muss der See durch einen der drei Klärkanäle ersetzt werden, in denen einst mechanisch mittels feiner Rechen gröbere Verunreinigungen aus dem Abwasser herausgefiltert wurden.

Heute führen diese Klärkanäle kein Abwasser, sondern Niederschlagswasser. Dieses Wasser wird aus dem Kanalbecken durch die Wasserspülkanäle zweier Hammerbohrer gepumpt, die seitlich vom „Seepferdchen“ wechselweise auf und ab oszillieren. Über die Öffnung in der Bohrkrone wird das Wasser bogenförmig wieder ausgespien, zurück in den Klärkanal. Der Ausbau des unterirdischen Kanalnetzes in Krefeld zur modernen Stadtentwässerung um 1900 erfolgte vorrangig in offener Bauweise durch den Aushub von Gräben unter der Nutzung natürlichen Gefälles. Im städtischen Tiefbau waren zu der Zeit vorrangig Pickel, Spaten, Schaufel und reiner Körpereinsatz üblich, obgleich es bereits seit Mitte des 19. Jahrhunderts erste pneumatische Bohrhämmer gab.

 

 

 

 

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MADAME FRANCE

 
Madame France
HBT: 245/115/120 cm

 

Video (00:15) öffnet in neuem Fenster

 

Madame France – Willi Reiche (2017)

Sie wirkt wie eine Ikone, die selbstbewusst ihren wohlgerundeten, kräftig gebauten und wenig taillierten Körper als weibliches Schönheitsideal präsentiert. Unter der beidseitig getragenen Schnittschutzschürze mit der Prägung „France“ wirkt die Madame unverletzlich, wenn sie sich – per Handkurbel gedreht – von allen Seiten präsentiert. Der gusseiserne Maschinenfuß, das Räderwerk und die Lederriemen sind typische Bestandteile früher Maschinen im Bereich der industriellen Fertigung. Auch die Schneiderpuppe (um 1920) entstammt einem Zeitalter, das von Anschauungen und Wertevorstellungen geprägt ist, die sich von den heutigen Ansichten unterscheiden.

Die interaktive Kunstmaschine „Madame France“ verdeutlicht, wie sich industrie- und kulturhistorische Entwicklungen auf unsere Wahrnehmungen und den Wertewandel auswirken, aber auch in Architektur, Maschinenbau, Textilkunst und Mode widerspiegeln.

 

 

 

 

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RUT WIESS

 
Rut-Wieß
HBT: 280/300/160 cm

 

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Rut-Wieß – Willi Reiche (2026)

Bei der kinetischen Installation „Rut-Wieß“ geht es um Zweierlei: Für den beliebten Imbiss Pommes Frites existieren Bezeichnungen, die meist regional und mundartlich geprägt sind. So ist im Rheinland der Begriff „Fritten“ geläufig, mit den Zutaten Mayonnaise und Ketchup kursiert im Rheinland die Kurzform „Pommes rut-wieß“. In Anlehnung an die Farben der Bahnschranke ist aber auch der Ruhrpott-Slang „Pommes Schranke“ oder nur „Schranke“ weit verbreitet und diese Bezeichnung auch in Krefeld gängig.

Ein weiteres Thema mit der stellvertretenden Farbgebung rot/weiß ist die Bautätigkeit in Krefeld. Die rot-weiße Installation steht für Stadtentwicklung, Infrastruktur, Expansion und Fortschritt: Rot-weiße Fluchtstäbe aus der Landvermessung, rote Propangasflaschen, wie sie unter anderem im Hoch- und Tiefbau Anwendung finden, weiße Flaschen für medizinisches Gas, das in Krankenhäusern, Arztpraxen und Pflegeheimen benötigt wird. Rote Anthurien (Leidenschaft, Energie, Zuneigung – aber auch Gastfreundschaft und Wohlstand) und weiße Callas (Schönheit, Glück, Reinheit und Sympathie) werten das rot-weiße Ensemble mit positiver Symbolik auf.

 

 

LICHTSÄULE DES MITEINANDERS  FÄCHERPALME  CUCARACHA  LIQUID SEQUENCES  LUMEN ARBOR  DIE WELLE  ROSETTA DEL LIDO  COBRA EMERITA  TENTAKEL IM TABERNAKEL  KREUZEZUG  VIERKLANG  SWINGING SLEEVES IN GREY  DAS SEXTETT TANZT BÜRSTENBALLETT  SHITSTORM  SEEPFERDCHEN  MADAME FRANCE  RUT–WIESS
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